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Ausschnitt aus dem 6. Kapitel: Eine unerfreuliche Begegnung

Als die Vorlesung zuende war, packte ich schnell meine Sachen. Ich wollte mich mit Gregory auf der Wiese treffen und die Pause bis zur nächsten Veranstaltung totschlagen. Unsere Stundenpläne paßten immer noch ziemlich gut zusammen, was mich freute.
Ich verließ den Hörsaal und ging hinaus auf den Flur. Ganz in Gedanken steuerte ich auf die Treppe zu, als ich plötzlich meinen Namen hörte.
„Andrea?“
Ich blieb stehen und drehte mich um. War wirklich ich gemeint? Erst war ich mir nicht sicher, aber dann trafen meine Blicke die eines jungen Mannes, der vor dem Fenster stand und mich herausfordernd ansah. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte auf mich nicht besonders auffällig - er trug normale Jeans, ein T-Shirt, war groß und muskulös gebaut. Er hatte dunkle Haare und noch dunklere Augen.
„Ja?“ sagte ich und bewegte mich überhaupt nicht. Er machte einige Schritte auf mich zu, wenn auch nur allmählich und ganz langsam. Darüber wurde es still auf dem Flur.
„Du hast dich seitdem gar nicht verändert“, sagte er.
Stirnrunzelnd musterte ich ihn. „Kennen wir uns?“

„Du kennst mich nicht, aber ich weiß einiges über dich. Ich habe letztes Jahr dein Bild in den Nachrichten gesehen“, sagte er. Mir fiel auf, daß er keinen englischen Akzent hatte, sondern einen amerikanischen.
„Da wärst du nicht der einzige“, erwiderte ich unbeeindruckt.
„Hörte sich schlimm an, das muß ich schon sagen. Aber du hast als einzige überlebt. Er hat dich nicht einmal verletzt, oder?“
„Nein, hat er nicht, aber was soll das Ganze?“
Er grinste abschätzig. „Wir wissen, daß du eine kleine Schnüfflerin bist. Was Jonathan Harold angeht, hast du ganze Arbeit geleistet. Ich würde dir aber raten, deine neugierige Nase aus den Angelegenheiten unserer Verbindung herauszuhalten.“
Völlig irritiert starrte ich ihn einfach nur an, aber als er das Wort Verbindung benutzte, wußte ich, wen ich vor mir hatte. Plötzlich wurde mir kalt.
Ich beschloß, mich nicht von ihm verunsichern zu lassen und deutete auf seine Armbanduhr. „Da drunter, nicht wahr?“
Er tat etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, und zog die Uhr ein Stück zur Seite. Er trug das Kanizsa-Dreieck in die Haut eingebrannt.
„Du weißt es ja sowieso“, sagte er. „Dabei würde ich es aber an deiner Stelle belassen. Du konntest nicht wissen, wo du deine Nase reinsteckst, als du diesem Schnüffler gesagt hast, wofür das steht. Aber jetzt weißt du es. Halt dich da raus. Wir merken es, wenn du ihn anrufst und wir merken es auch, wenn er dich um Hilfe bittet und du versuchst, seine Fragen zu beantworten. Es gibt da absolut nichts zu wissen. Was wir tun, geht dich nichts an.“
Ich holte tief Luft und starrte ihn geradeheraus an. „Du denkst jetzt, daß mich das beeindruckt, ja?“ sagte ich gelassen.
„Das sollte es besser.“

Ich lachte. „Eins weißt du nicht über mich: Daß du mir damit keine Angst machst. Wenn du wirklich wüßtest, was ich erlebt habe, dann wäre dir das klar. Ich habe nicht vor, euch hinterherzuschnüffeln, aber einschüchtern lasse ich mich nicht von euch! Das hat auch Jonathan Harold nicht geschafft.“
„Tatsächlich.“
„Ja, tatsächlich. Sonst noch was?“
„Ich habe das Gefühl, du nimmst mich nicht ganz ernst, Andrea.“
„Sollte ich denn?“
„Das solltest du unbedingt. Wir wollen doch nicht, daß dein Mann sich Sorgen machen muß, oder?“
Zwar konnte ich das Gefühl einer Gänsehaut nicht unterdrücken, aber ich starrte ihn an, als wäre er ein lästiges Insekt, und sagte: „Weshalb? Euretwegen?“
„Natürlich. Weißt du, ich denke wirklich, du solltest dir einen Gefallen tun und vernünftig sein - schon im Interesse deines Kindes.“
Jetzt spürte ich, wie ich die Fassung verlor. Wie konnte er das wissen? Nur meine Freunde wußten das! Nur die Familie, Christopher und ... Sarah. Ich hatte ihr zwei Tage zuvor in der Mensa ein Ultraschallbild gezeigt.
Ich schluckte. „Ich habe es wirklich satt, daß mir irgendjemand nachschnüffelt!“
„Dann gib uns keinen Grund dazu.“

Damit wandte er sich ab und ging. Vollkommen perplex starrte ich ihm hinterher und wußte nicht, was ich denken oder tun sollte. Das war doch ein schlechter Scherz.
Wie hatten sie überhaupt herausgefunden, daß ich mit Christopher geredet hatte? Seit wann spionierten sie mir nach? Sie hatten schon Sarah und mich in der Mensa beobachtet.
Sofort rannte ich die Treppe hinunter und stürzte aus dem Gebäude. Ich konnte Gregory schon von weitem sehen und rannte zu ihm hinüber auf die Wiese. Er war sichtlich irritiert, als ich auf ihn zugelaufen kam und atemlos vor ihm stehenblieb.
„Was ist los? Wo warst du so lange?“ fragte er.
„Greg ... diese Typen ... von der Verbindung, die Knights of Truth ... die beobachten mich!“ platzte es aus mir heraus.
„Die tun was? Wie meinst du das?“
Ich erzählte ihm, was gerade geschehen war und konnte beobachten, wie er mich immer ungläubiger anstarrte, während ich sprach.
„Ganz ehrlich - tu, was er dir gesagt hat. Halt dich einfach da raus. Christopher kriegt das schon allein hin. Das ist es wirklich nicht wert!“ sagte er kopfschüttelnd.
„Ja, natürlich, aber was soll denn das bitte? Ich meine, ich muß Christopher doch davon erzählen! Die sind nicht mehr ganz dicht!“
„Vielleicht sind sie auch wirklich gefährlich“, sagte Gregory. „Matt ist ja schon tot.“