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Ausschnitt aus dem 1. Kapitel: Einkaufen


Wir banden uns Tücher um Mund und Nase, nur um sicherzugehen, und verabschiedeten uns dann. Christian steckte unser einziges Butterflymesser an seinen Gürtel und hielt mir die Tür auf. Augenblicke später standen wir auf der Straße.
Ausgebrannte Autowracks standen zu beiden Seiten der Straße, schon seit Monaten. An den Hauswänden vorbei stapelte sich der Müll, leere Tüten wehten über die Straße. In den Wohnhäusern, auch unserem, waren zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen. Man konnte sagen, daß dort, wo noch Gardinen hingen, auch Menschen wohnten. Ein Stück weiter die Straße hinunter waren die Häuser bis in doppelte Mannshöhe hinauf von Sprayern bemalt worden. Ich fand das gar nicht schlecht; auch wenn es ein Zeichen für Verfall und Anarchie war, war es immer noch bunter als die grauen Wände der Häuser, die zum Teil genauso ausgebrannt waren wie die Autos. Das sah noch viel mehr nach Anarchie aus. Außerdem gab es begabte Künstler unter den Sprayern.
Überall wucherte das Unkraut. Wir lebten in einer Wohnsiedlung am Stadtrand in Sichtweite des Waldes und der Felder. Es war einmal eine schöne Gegend gewesen, in der junge Familien gewohnt hatten. Während wir uns über die einsame und ziemlich vermüllte Straße vorarbeiteten, kamen wir an einem verwaisten Spielplatz vorbei. Auch dort lag Müll. Wenigstens nahm der Müll nicht mehr in hohem Maße zu, denn es gab nicht mehr viel, was man wegwerfen konnte.
Wir wurden durch blinde Fenster beobachtet. Mir machte es nichts aus. Ich kam mir ein wenig vor wie ein Räuber, halb vermummt. Meine Haare wurden von Wind und Sonne getrocknet. Christian hielt meine Hand in seiner und warf mir ein Lächeln zu. Ich erwiderte es halbherzig und schaute mich immer noch mißtrauisch um. Man wußte nie, wo jemand lauerte. Größer als unsere Angst vor Räubern und Dieben war jedoch die Furcht, Extremisten zu begegnen. Die waren meistens bis an die Zähne mit Kalaschnikows, Messern, Granaten und sonstigen Waffen aus irgendwelchen Restbeständen bewaffnet und verlangten die verschiedensten Dinge. Manche raubten einen auch einfach nur aus, andere rekrutierten mit Gewalt neue Mitglieder, manche verbreiteten nur Angst und andere töteten auch, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Besonders Islamisten waren für ihre Gewaltbereitschaft bekannt, denn sie versuchten immer noch, ihren heiligen Krieg zu führen. Ich fühlte mich auf eigenartige Weise an die Kreuzzüge erinnert, nur daß diesmal extremistische Muslime Christen jagten und nicht umgekehrt. Das war seltsam ironisch.
Auch Christian war wachsam, aber die einzigen Menschen, denen wir begegneten, waren wie wir auf dem Weg zum Händler. Es waren eine Frau und ihr jugendlicher Sohn, der in der hinteren Hosentasche eine Waffe trug. Jeder brauchte inzwischen eine Waffe. Unser Gewehr war allerdings für unterwegs etwas unhandlich. Sven jagte damit besser zu Hause die Gemüsediebe.

Nach etwas mehr als einem Kilometer, der uns durch das nun öde und wenig einladende Wohngebiet geführt hatte, erreichten wir den Platz vor dem ehemaligen Supermarkt. Er war verwüstet, die großen Scheiben zerschlagen. Die Sonne spiegelte sich in den zersplitterten Überresten. Vor diesem Supermarkt befand sich der Händler mit seinem Transporter und seinen Wächtern. Es waren bullige Männer mit Lederwesten und denselben Kalaschnikows, wie die Extremisten sie hatten, nur waren sie die Guten.
Der Händler hatte einige Sachen auf einem Campingtisch vor sich ausgebreitet. Er war ein kleiner, glatzköpfiger Mann in löchriger Hose und einem fleckigen Hemd, der eifrig die mitgebrachte Habe eines Kunden durchstöberte. Er suchte sich eine Wasserwaage und einige Haushaltsdosen aus, gegen die er vier Konserven tauschte. Es hatten sich schon einige Einwohner um den Händlerstand geschart. Die Wächter hielten ein Auge auf den Lieferwagen, in dem sich die Ware des Händlers verbarg. Er zeigte nie, was er an wertvollen Dingen hatte; man mußte gezielt fragen, wenn man etwas suchte.
Ich reckte den Kopf und schaute auf dem Tisch, was es heute alles gab. Schon wieder rote Bohnen und Mais in Dosen. Gab es denn nichts anderes? Doch, Pilze! Großartig, davon wollte ich mindestens eine Dose.
„Ich bin mal drüben“, sagte Christian und deutete in Richtung des Apothekers. So nannten wir den Mann, der Medikamente und andere Dinge verkaufte, die es seinerzeit in Apotheken gegeben hatte. Die Tasche mit den Tauschwaren behielt ich.
Noch war nicht viel Andrang und so war ich schnell an der Reihe. Der Händler, der wie seine Wächter und alle um mich herum ebenfalls ein Tuch über Mund und Nase gezogen hatte, begrüßte mich freundlich.
„Guten Morgen, junge Dame. Was kann ich heute für dich tun?“ erkundigte er sich.
„Ich hätte gern zwei Dosen Pilze, einen Satz große Batterien, vielleicht von den Ravioli - oh, Weingummis! Englische?“
„Nimm sie dir, bevor es später die Kinder tun!“ grinste er.
„Teuer?“ fragte ich.
„Nein, ach was. Dinge, auf die die Leute zur Not verzichten würden, sind nie teuer, das weißt du doch.“
Ich suchte mir ein paar Dinge zusammen und fragte nach anderen. Die Batterien holte ein Wächter aus dem Lieferwagen. Der Händler spähte neugierig in meine Tüte und nahm alles genau in Augenschein.

„Das Werkzeug gegen die Batterien und das Gemüse gegen die Dosen. Oh, und die Weingummis. Kleidung brauche ich gerade nicht.“
Ich nickte und gab ihm die Sachen, die er haben wollte. Danach packte ich meine Errungenschaften in die Tasche. Alles lief ruhig und gesittet ab. Die meisten Leute, die dort waren, trugen robuste Kleidung wie Jeans, vor allem aber einfache Dinge. Auf Mode achtete niemand mehr. Viele Sachen waren auch fleckig, obwohl sie gewaschen waren. Das lag daran, daß man per Hand nicht so gut waschen konnte wie eine Maschine.
Ich verabschiedete mich und hielt Ausschau nach Christian. Beim Apotheker war er nicht mehr, aber er stand bei einem Nachbarn und unterhielt sich mit ihm.
„Hallo, Jens“, begrüßte ich den schlaksigen blonden Burschen.
„Hallo, Andrea“, erwiderte er den Gruß. „Hast du schon gehört? Extremisten waren hier, letzte Woche. Sie haben Jonas und Mark erschossen.“
Meine Augen wurden groß. „Warum? Wer waren sie denn?“
„Irgendwelche Radikalen, glaube sie waren rechts. Sie haben rumgepöbelt und die beiden sind dazwischengegangen. Da wurden sie dann einfach erschossen.“
„Schön“, brummte Christian. „Na ja, schönen Tag noch, Jens. Wir sind dann wieder weg.“
„Ja, euch auch einen schönen Tag.“
„Erschossen“, murmelte ich, während wir Hand in Hand nach Hause zurückschlenderten. „Einfach so.“
„Wir brauchen endlich wieder eine Regierung.“
„Ja. Und zwar eine, die für eine neue Demokratie sorgt. Ich will weder einen neuen Führer, noch einen Kopftuchzwang. Das kann ja alles noch kommen.“
Christian nickte nur. Als wir wieder in unsere Straße eingebogen waren, zog er eine kleine Schachtel aus der Tasche und grinste in meine Richtung. Ich schaute neugierig, was er dort hatte, und mußte ebenfalls grinsen. Es waren Kondome.

„Wo hast du die denn her?“ fragte ich überrascht.
„Ich bin diese ewige Aufpasserei satt und habe den Apotheker gefragt, was sie kosten würden. Nach seiner Antwort fehlten mir die Worte.“
„Wieso?“
„Ich dachte eigentlich, Kondome wären unbezahlbar. Er hat einen Maulschlüssel und einen Schraubendreher genommen und sie mir dafür gegeben mit der Begründung, daß ich der erste seit Wochen sei, der danach fragt.“
„Im Ernst?“ sagte ich erstaunt und auch ein wenig fassungslos.
„Ja, im Ernst. Überleg doch mal, wer macht sich denn dieselben Gedanken wie wir? An morgen denkt doch keiner. Er sagte mir, daß Kondome ein Ladenhüter seien. Ich verstehe das nicht.“
„Ich auch nicht“, gab ich zu. Aber bei schnellen Abenteuern blieb wohl keine Zeit, erst beim Apotheker Kondome zu kaufen. Kaum auszudenken, was man sich da alles holen konnte. Und wer wollte bitte ein Kind in diese Welt setzen?
Das war nämlich unser Problem. Eigentlich hatte ich Kinder gewollt und ich hätte es mir auch zugetraut, eins großzuziehen, aber in dieser Welt wollte ich keins bekommen. Auf keinen Fall. Da alle Medikamente unbezahlbar waren, blieben eigentlich nur noch Kondome und viel Disziplin. Wenigstens wußte ich aus der Schule noch soviel, daß ich sagen konnte, wann es vergleichsweise ungefährlich war und wann man es besser sein ließ. Und trotzdem war ich jeden Monat froh, wenn ich feststellen konnte, daß ich nicht schwanger war. Ganz darauf verzichten wollten wir nämlich nicht, aber ohne gute Verhütungsmöglichkeiten war es wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Ich wußte, daß es Christian fürchterlich nervte und entnahm seinem freudigen Grinsen, daß er die Kondome für eine hervorragende Errungenschaft hielt. Ich konnte da durchaus zustimmen.
Er steckte sie wieder in die Tasche und drückte meine Hand fester. Das war irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Meine Eltern waren tot, seine ganze Familie war tot, aber wir hatten immer noch uns. Mein Bruder tat mir so oft leid, weil er nur noch mich hatte. Ich hatte eine Perspektive für die Zukunft, aber was hatte er? Seine Frau war ebenfalls tot.