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Ausschnitt aus dem 3. Kapitel: In Gefahr
Gregory schulterte den Rucksack und verabschiedete sich mit einem Kuß von mir. Als er auf dem Flur stand, drehte er sich noch einmal um.
„Bis morgen, meine Süße.“
Ich grinste. „Bis morgen.“
Gedankenversunken schloß ich die Tür. Anschließend breitete ich meine Sachen auf dem Schreibtisch aus, um dort weiterzuarbeiten. Zuerst jedoch ging ich in die Küche und holte mir etwas zu trinken. Zwar hatte ich keine Lust mehr, zu arbeiten, aber es half nicht.
Ich hatte mich gerade wieder eingelesen und rechnete mit nichts, als ich plötzlich hastige Schritte auf dem Flur vor meiner Zimmertür hörte. Es klopfte, aber noch ehe ich antworten konnte, schwang die Tür auf.
Es war Greg. Mit hochrotem Kopf stand er in der Tür und lehnte sich erleichtert an den Türrahmen, als er mich sah.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte ich stirnrunzelnd. In der Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitung, die er mir hinhielt und sagte: „Es würde mir erheblich besser gehen, wenn du mit mir kommen würdest. Du mußt hier sofort verschwinden!“
„Was? Warum?“ Ich nahm ihm die Zeitung ab. Es war ein Exemplar des Daily Mirror. Wann schnappt die Polizei endlich den Campus Rapist? hieß es in der Überschrift. Als ich das Titelbild sah, mußte ich nicht fragen. Auf der ersten Seite prangten Fotos aller bisherigen Opfer des Campus Rapist, sogar mit Namen. Mein Blick fiel auf Caroline, Jenna und Mary. Ich konnte gar nicht ermessen, was das für sie bedeutete. Jenna und Mary konnte es gleich sein, aber was war mit den anderen? Fortan würde es jeder wissen.
„Was hat das mit mir zu tun?“ fragte ich.
„Jack hat mich angerufen, als ich gerade auf dem Weg zum Bus war. Er hat mir von diesem Artikel berichtet und meinte, dein Name stünde drin. Ich habe nachgeschaut - er hat Recht. Sie wissen sogar, was du studierst“, sagte er atemlos.
„Was?“ Schlagartig wurde mir heiß. Hastig begann ich, den Artikel zu lesen.
Es begann alles an einem lauen Sommerabend im Juli. Susan Jacobs war auf dem Heimweg von einer Party, als sie plötzlich von hinten überfallen und in ein Gebüsch gezerrt wurde. Sie war das erste Opfer des Campus Rapist; eine hübsche Studentin, die gute Noten im Studium hatte und gerade frisch verliebt war. Laut unseren Recherchen befindet sie sich bis heute in psychologischer Behandlung, so wie die meisten Opfer des Vergewaltigers, der seit Monaten in Norwich sein Unwesen treibt und inzwischen auch zwei seiner Opfer brutal ermordet hat.
Bislang ist es der Polizei noch nicht gelungen, auch nur einen Hinweis auf den Täter auszumachen. Sie steht hilflos daneben und hatte am vergangenen Wochenende die traurige Pflicht, die entstellte Leiche von Mary Hillthorpe aus dem Sumpfgebiet der Broads östlich von Norwich zu bergen. Es war rechtzeitig bekannt, daß der Campus Rapist sie in seine Gewalt gebracht hatte, aber die Polizei hat es nicht geschafft, ihren Tod zu verhindern. Inzwischen wächst das Unverständnis in der Bevölkerung, die den laufenden Massengentest sehr begrüßt. Aufgerufen werden alle in Norwich wohnhaften Männer zwischen 25 und 35 Jahren, freiwillig eine Speichelprobe bei der örtlichen Polizei abzugeben. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, muß damit rechnen, von der Polizei aufgesucht zu werden.
Die Behörde verspricht sich viel von diesem Vorgehen. Letztlich ist es aber auch alles, was ihr bleibt. Die einzigen Spuren, die vom Täter gesichert werden konnten, sind Spermareste, die nun zum DNA-Vergleich herangezogen werden sollen. In unregelmäßigen Abständen hat er in der Zeit zwischen Juli und Oktober in einem weitläufigen Gebiet um den Campus der University of East Anglia immer wieder Studentinnen überfallen und vergewaltigt - trotz wachsender Polizeipräsenz und den immer wieder vorgestellten Vorsichtsmaßnahmen. Traurigen Höhepunkt der Vergewaltigungsserie bildete Moira James, die kurz nach dem Verbrechen von einer Polizeistreife aufgelesen wurde.
Ein weiteres Mal konnte der Täter knapp und unerkannt entkommen, als die beherzte Psychologiestudentin Andrea Jahnke ihn angriff, während er sich an Caroline Lewis verging. Die junge Biologiestudentin war das letzte Opfer, das mit dem Leben davonkam: Jenna Roberts und Mary Hillthorpe wurden entführt, über mehrere Tage gefoltert und schließlich erwürgt. Für sie kommt der Gentest zu spät.
Mir wurde kalt. Wieder und wieder las ich die Zeile, in der mein Name stand, und hoffte, er würde verschwinden. Den Gefallen tat er mir aber nicht. Er stand immer noch da; ganz gleich, wie oft ich hinschaute.
„Jeder kann das lesen“, sagte Gregory nervös. „Auch der Täter. Was du über ihn gesagt hast, über Dominanz und Haß gegenüber Frauen - was glaubst du denn, wie er über dich denkt?“
Meine Augen wurden groß. Sagen konnte ich nichts, mir war die Stimme abhanden gekommen. Mir war eiskalt und meine Haut kribbelte verräterisch. Das war Furcht.
„Bitte komm mit mir, Andrea. Von mir kann er nicht wissen und bei mir kann er dich nicht finden. Außerdem würde es mir wirklich erheblich besser gehen, wenn ich in deiner Nähe wäre. Ich glaube, ich muß kein Psychologe sein, um zu wissen, daß er wütend auf dich ist. Du bist ein hübsches Mädchen und er hat noch eine Rechnung mit dir offen. Wer weiß, was er sich überlegt?“
„Rache ist nicht sein Motiv“, sagte ich, doch ich wußte selbst, wie sehr ich ihn in seinem Stolz verletzt haben mußte. Ich entsprach nicht seinem Typ, aber ich war Studentin und hatte mich ihm gegenüber wohl nicht anders verhalten als die Frau, die ihn so frustriert hatte. Das war mehr als ausreichend.
„Bitte, Liebes, komm mit mir“, bat Gregory mich eindringlich. „Das macht mir Angst.“
Ich nickte mechanisch. „In Ordnung, aber - ich müßte immer bei dir sein, damit er mich nicht findet, ich meine ...“
„Das ist doch das geringste Problem! Vergiß das alles hier und zieh zu mir. Ich habe doch den Platz und die Möglichkeit. Ich würde es mir wünschen!“
Wiederum nickte ich und begann, meine Tasche zu packen. Er holte Sarah von drüben. Ich hörte die Stimmen der beiden, während ich den Schrank öffnete und hektisch einige Kleidungsstücke herauszerrte. Ich bemerkte die Ankunft der beiden im Augenwinkel.
„Was ist denn hier los?“ fragte Sarah.
„Lies die Zeitung.“ Ich deutete auf den Tisch. Gregory ging mit ihr hinüber und zeigte ihr die betreffende Stelle im Artikel. Ich klappte mein Notebook zusammen und packte es in den Rucksack.
„Da steht dein Name“, sagte Sarah, offensichtlich immer noch ziemlich ratlos. „Und wo willst du jetzt hin?“
„Er kann mich hier finden, Sarah. Er hat jetzt meinen Namen und meine Studienrichtung. Das wird ihm reichen, um mich hier aufzuspüren“, sagte ich, ohne sie anzusehen. Mein Herz raste. Ich packte noch einige Bücher ein.
„Ich glaube nicht, daß er sich für dich interessiert“, sagte sie. „Hast du nicht von den verschiedenen Mördertypen erzählt? Er ist ein Sexualmörder, was interessiert ihn Rache?“
Ich zuckte mit den Schultern und sah über die Schulter zu ihr. „Ehrlich gesagt will ich es nicht darauf ankommen lassen. Solange ich nicht widerlegen kann, daß er wütend auf mich ist, bin ich lieber vorsichtig.“
„Analytisches Denken“, sagte Sarah trocken. „Und jetzt?“
„Bleibt sie bei mir“, sagte Gregory. „Da kann er sie nicht finden und selbst wenn - dann bin ich immer noch da.“
Sarah lächelte. „Der große Beschützer also.“
Im Augenwinkel beobachtete ich, wie er scheinbar um zwei Zentimeter wuchs und mit selbstsicherer Miene nickte. „Wenn nicht ich, wer sonst?“
Ich wandte mich ab, damit er mein Grinsen nicht sah. Männlicher Stolz!
Sarah fragte mich, ob ich wirklich bei Gregory bleiben wollte. Ich nickte verhalten. Wahrscheinlich war es das Beste.